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Stadt Hirschau  |  E-Mail: stadt@hirschau.de  |  Online: http://www.hirschau.de

(von Werner Schulz)

Keramikausstellung kultureller Highlight

Eine illustre und fachkundige Gästeschar fand sich zur Eröffnung der Ausstellung „Helene Fischer und Maria Piffl – Keramikentwürfe für Carstens Hirschau 1930“ in der Alten Mälzerei ein. V. l.: Bürgermeister Hermann Falk, Festspielvereinsvorsitzender Altbürgermeister Hans Drexler, 3. Bürgermeister Peter Leitsoni, Pfarrer Klaus Haußmann, Kunsthistoriker und Ausstellungsorganisator Volker Zelinsky, 2. Festspielvereinsvorsitzender Alfred Härtl und Michael Popp.
Keramikausstellung kultureller Highlight

Hirschau. (asn) Nicht nur die Metropolen der Globalität, auch Kleinstädte in der „Provinz" bieten interessante innovative Kulturangebote, z.B. Hirschau in der Oberpfalz. Formuliert hat diesen Satz der Hamburger Kulturhistoriker Volker Zelinsky. Mit der von ihm organisierten Ausstellung „Helene Fischer und Maria Piffl – Keramikentwürfe für Carstens Hirschau“ lieferte er selbst den Beleg für seine These. Unter dem Motto „VasenKunst“ wurde sie letzten Freitag in der Alten Mälzerei eröffnet.

Zur illustren Gästeschar, die der Hausherr und Festspielvereinsvorsitzende Hans Drexler begrüßte, gehörten neben Sponsoren und Leihgebern anerkannte Keramik-Experten wie Pfarrer Klaus Haußmann und vor allem Michael Popp. Drexler betonte, dass Popp es war, der die Hirschauer 2004 mit seiner Keramikausstellung aus ihrem „Steingut-Dornröschenschlaf“ geweckt und den Anstoß gegeben hatte, sich des bedeutenden Kapitels ihrer Wirtschafts- und Kulturgeschichte zu erinnern. Dass die Steingutfabriken in ihrer Blütezeit Weltfirmen und mit zeitweise 500 Beschäftigten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Hirschau waren, wurde einer breiten Öffentlichkeit schnell bewusst. Weniger galt dies für die kulturelle Bedeutung. Letztes Jahr hatte Popp mit der „Ausstellung Siegfried Möller“ genau dafür das Bewusstsein geschärft. Volker Zelinsky war einer der Experten, der ihn dabei unterstützt hatte. Er arbeitete an einer Dissertation über „Die Gebrauchskeramik des Carstens-Konzerns“ und war dabei auf die Namen zweier weiterer in Hirschau tätigen Entwerferinnen gestoßen – Helene Fischer und Maria Piffl. Drexler bekannte, dass die Doktorarbeit ihn auf die Idee brachte, Volker Zelinsky mit dem Festspielverein das Arrangieren einer Ausstellung mit Objekten aus der Feder der beiden Künstlerinnen zu ermöglichen. Das kulturelle Engagement des Vereins beschränke sich nicht auf die Stückl-Festspiele und Mitwirkung bei der Kirwa. Drexler betonte aber auch, dass der Verein nicht alle Jahre in der Lage sei, derartige Ausstellungen auf die Beine zu stellen. Seine Anspielung, die jetzige Hirschauer Ausstellung könnte eventuell in Österreich eine Fortsetzung finden, hatte einen guten Grund. Unter den Gästen konnte er auch Helene „Mau“ Fischers Nichte und Nachlassverwalterin Andrea Troup aus Steyr willkommen heißen.

Bürgermeister Hermann Falk sah in der Erforschung der Geschichte der Steingutfabriken zugleich eine Vertiefung der Kenntnisse über die Stadtgeschichte. Die Ausstellung mache deutlich, dass in Hirschau nicht nur Massenware, sondern anspruchsvolle Kunstkeramik produziert wurde. Neben den bereits bekannten Künstlern Siegfried Möller und Eva Zeisel ließen sich dank der Zelinsky-Recherchen weitere sechs in Hirschau ab 1930 tätigen Künstlerinnen und Künstler nachweisen. Helene Fischer und Maria Piffl hätten eine neue künstlerische Periode eröffnet. In der Ausstellung, für deren Zustandekommen er Volker Zelinsky, Pfarrer Haußmann und dem Festspielverein mit Altbürgermeister Hans Drexler an der Spitze dankte, sah das Stadtoberhaupt ein kulturelles Highlight.

Als „mehrstufigen Krimi“ bezeichnete Volker Zelinsky das Recherchieren nach Maria Piffl und Helene „Mau“ Fischer. Im Falle Piffl, deren Name im Carstens-Katalog Georgenthal genannt war, sei er durch Zufall im Internet auf die richtige Familie gestoßen. Das Auffinden des Nachlasses von Helene Fische sei monatelang erfolglos geblieben, bis sich eines Tages Andrea Troup meldete, die nach 40 Jahren in England nach Steyr zurückgekehrt war. Die Firma Carstens sei mit seinen zehn Steingutwerken in Deutschland die klare Nummer 2 gewesen. Der Marktführer Villeroy & Boch habe meistens den Erfolg neuer Trends auf dem Markt abgewartet, bis diese in Produktion gingen. Carstens dagegen habe jungen Absolventen von Kunstgewerbeschulen und Kunstakademien sofort nach dem Studium die Übernahme von Entwurfsverantwortung übertragen. Daher seien Formen und Dekore bei Carstens meist moderner zu über 60 Prozent abstrakter gewesen als die der Konkurrenz. Bezüglich der Abstraktion seien die Entwürfe Fischers und ihrer Nachfolgerin Zeisel auf europäischem Niveau einzustufen. Der schnelle Wechsel an Entwerfern habe den Wettbewerb unter den einzelnen Carstens-Werken befeuert.

Fischer habe im Stile des modernen Kubismus geradezu „unverfroren“ mit geometrischen Komponenten wie Kugel, Kegel, Rhombus, Dreieck, Rechteck und deren Kombinationen jongliert, egal ob es sich um Vasen, Dosen, Aschenbecher, Messerhalter oder Schalen handelte. Fast parallel zum kubistischen Ansatz habe sie einen harmonisch sanften Stil mit Wellenlinien und organischen Elementen entwickelt. Dies seien die Anfänge des „organic style“, der nach dem zweiten Weltkrieg berühmt wurde. Vasen mit Öffnungen in Form eines Kleeblatts oder eines schmalen Ovals seien in dieser Zeit einzigartig und erst in den 50-er Jahren in Mode gekommen.

Wie in den 20-er Jahren die Asterndekore das Markenzeichen für Hirschauer Steingut waren, wurden dies Piffls Stricheldekore Anfang der 30-er Jahre. Gemeinsam mit Klaus Haußmann habe er bisher 29 verschiedene Stricheldekore identifizieren können. Bei diesen werden in Handmalerei sehr viele Farbstriche nebeneinander gesetzt, so dass sie nur bei extremer Fokussierung als Einzelstrich erkennbar sind  Diese „Überzahl“ der Linien habe eine auf das Auge verwirrende Wirkung und führe immer wieder reflexartig zu einem Gesamtbild zurück. Dieser Eindruck werde Verwendung durch die Monochromie und durch die Unregelmäßigkeit der Striche verstärkt. Durch die zusätzlichen Farbvarianten, die innerhalb eines Strichbandes von Dunkel zu Hell variieren, produziere das Dekor Räumlichkeit. Speziell bei großen Flächen werde die Farbdynamik durch eine Segmentierung der Malfläche gesteigert. Die Stricheldekore seien äußerst innovativ gewesen und in den Folgejahren von den Wettbewerbern nachgemacht worden. Wie modern sie sind, zeigen Vergleiche mit der „Minimal Art“ eines Sol de Witt und Objekten der konkreten Kunst, wie sie im Museum in Ingolstadt zu besichtigen sind. Zusammengefasst könne man sagen, dass die zwei Freundinnen Fischer und Piffl die Abstraktion in die Oberpfalz gebracht haben.

Das Schicksal der beiden se extrem unterschiedlich verlaufen. Während Fischer als überzeugte Künstlerin, die nur Unikate schaffen wollte und auf jegliche Multiplikation verzichtete, bis ins hohe Alter in ihrer Werkstatt in Graz kreativ war, starb Piffl tragisch bereits mit 28 Jahren an einer Lungenkrankheit.

In einer Vitrine seien auch Exponate von Eva Schulz-Endert zu sehen. Da ihm der Nachweis über ihre Arbeit in Hirschau erst im Frühsommer gelungen sei, konnte die Ausstellung nicht ausgedehnt werden. Zelinsky hoffte, ihr Oeuvre zu dokumentieren wie auch das von Erich Krause und Mirene Schmidt, die in den 30-er Jahren ebenfalls in Hirschau tätig waren. Er bleibe jedenfalls am Ball.

Zelinskys Dank galt vor allem dem Festspielverein mit seinen Vorsitzenden Hans Drexler und Alfred. Ohne deren Aufgeschlossenheit gäbe es die Ausstellung nicht. Der Verein habe es zudem ermöglicht, den die Ausstellung begleitenden Katalog zu erstellen. In seinen Dank schloss er alle Leihgeber und Leihgeberinnen ein.

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