(Werner Schulz)

27. Januar 1946 – Neustart der Demokratie in Hirschau

Bei seiner konstituierenden Sitzung am 7. Februar 1946 wählten die 11 Stadtratsmitglieder (6 CSU, 5 SPD) Mathias Amann (SPD) zum 1. Bürgermeister. Die US-Militärregierung hatte ihm bereits am 19. Juli 1945 dieses Amt übertragen.

27. Januar 1946 – Neustart der Demokratie in Hirschau

Hirschau. Nach NS-Diktatur und 2. Weltkrieg fanden am 27. Januar 1946 in Bayern, auch in Hirschau, die ersten freien, demokratischen und geheimen Kommunalwahlen nach rund zwei Jahrzehnten statt.

Mit der Befreiung Hirschaus durch die amerikanische Armee am 22. April 1945 war auch in der Kaolinstadt die NS-Diktatur beendet. Im Juli 1945 setzte die Militärregierung Matthias Amann (SPD) als Bürgermeister, Anselm Freimuth (ehemals BVP) als seinen Stellvertreter ein (siehe Bericht über CSU-Gründung). Ab 1945 lizensierte die Besatzungsmacht politische Parteien, an deren demokratischer Ausrichtung keine Zweifel bestehen durften – auf Landesebene die KPD am 1. November 1945, die CSU am 8. Januar 1946, die SPD tags darauf. In Hirschau wurde am 7. Januar 1946 die CSU (damals als CSE) aus der Taufe gehoben. Die SPD wurde laut Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum „Ende Januar 1946 erneut ins Leben gerufen“. Für die Wiederbelebung der KPD konnten keine Daten ermittelt werden

Nach den Vorstellungen der US-Militärregierung sollten Demokratie und Rechtsstaat „von unten“ aufgebaut werden. Konsequenterweise setzten als erste freie Wahlen für den 27. Januar 1946 solche auf kommunaler Ebene an. Zu wählen waren die ehrenamtlichen Gemeinde- bzw. Stadträte. In Kommunen bis zu 3 000 Einwohnern wurden die Bürgermeister „vom Volk“ gewählt. In größeren Gemeinden – wie der Stadt Hirschau – war die Bürgermeisterwahl Sache des Gemeinde- bzw. Stadtratsgremiums.  

Die Wahlberechtigten mussten das 21. Lebensjahr vollendet und sich seit mindestens einem Jahr freiwillig sowie ununterbrochen in der Gemeinde aufgehalten haben. Vom Wahlrecht ausgeschlossen waren Personen, die vor dem 1. Mai 1937 in die NSDAP eigetreten waren und alle Aktivisten, die nachher eingetreten sind, Amtsträger, Führer und Unterführer der NSDAP, Angehörige der SS und weitere Amtsträger von NS-Organisationen.

Für den 11-köpfigen Hirschauer Stadtrat lagen den Wahlberechtigten am 27. Januar 1946 (nicht Mai 1946 wie in SPD-Festschrift 75 Jahre Sozialdemokratie in Hirschau angegeben) aus den „Ortsfluren Hirschau, Kricklhof, Sargmühle und Weiher“ die Wahlvorschläge von drei Parteien vor:

  1. Christlich-soziale Einigung
  2. Sozialdemokratische Partei Deutschlands
  3. Kommunistische Partei Deutschlands

Der Wahlvorschlag der CSE umfasste 16 Kandidaten, während die SPD lediglich 11 und die KPD nur 8 Kandidaten nominiert hatten. Im Gegensatz zum heutigen Wahlrecht konnten für die einzelnen Kandidaten keine persönlichen Stimmen abgegeben werden. Der Wähler konnte sich nur für eine Gesamtliste entscheiden.

Im Vorfeld der damaligen Wahl gab es in Hirschau, so die übereinstimmende Aussage der Zeitzeugen, keinen Wahlkampf im heutigen Sinn. Wie interessiert die Bevölkerung war, das örtliche Geschehen aktiv mitzugestalten, bewies die sehr hohe Wahlbeteiligung. Von 1410 Wahlberechtigten machten 1263 (= 90 Prozent) von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Für die CSE brachte die Wahl einen in dieser Höhe nicht erwarteten Erfolg. Die 676 Stimmen bedeuteten die absolute Stimmenmehrheit und in Folge mit 6 Mandaten die absolute Mehrheit im Stadtrat. Auf die SPD-Liste entfielen 509 Stimmen und damit 5 Stadtratssitze. Die KPD blieb mit 65 Stimmen ohne Stadtratssitz. 18 Stimmzettel waren ungültig abgegeben worden.

In Hirschau (mehr als 3 000 Einwohner) wurde im Gegensatz zum heutigen Wahlrecht der Bürgermeister nicht direkt von der Bevölkerung gewählt, sondern von den Mitgliedern des Stadtrates. Die Wahl des 1. Bürgermeisters der Stadt Hirschau, die Festlegung der Anzahl seiner Stellvertreter und deren Wahl mussten somit bei der konstituierenden Sitzung des Stadtrates erfolgen. Sie war für den 7. Februar 1946 anberaumt

Der Hirschauer Stadtrat konstituiert sich

Zur konstituierenden Sitzung am 7. Februar 1946 erschienen alle neu gewählten Stadtratsmitglieder, also die sechs CSU’ler (im Protokoll wird nun der Name CSU, nicht mehr CSE genannt) Johann Brumbach, Heinrich Dobmeyer (falsche Schreibweise auf der Wahlliste), Michael Fleischmann, Anselm Freimuth, Wilhelm Schorner und Johann Leistl sowie die fünf SPD’ler Mathias Amann, Georg Lederer, Josef Lederer, Franz Birner und Josef Bäumler.

Angesichts der Mehrheitsverhältnisse wäre die Wahl eines CSU-Mannes an die Spitze der Stadt logisch und selbstverständlich gewesen. Die Wahl des 1. Bürgermeisters erbrachte jedoch ein anderes Ergebnis: Mathias Amann wurde mit den Stimmen aller 11 Ratsmitglieder gewählt. Eine große Koalition wie aus dem Bilderbuch! Erklärbar wird dieses zumindest „ungewöhnliche Wahlergebnis” durch die Schilderungen von Anselm Freimuths Sohn Paul. Er berichtete, dass das in unmittelbarer Rathausnähe stehende Haus der Familie Freimuth bei den Bombenangriffen der Amerikaner ziemlich beschädigt worden war. Die Instandsetzung des Gebäudes, die Ausübung des Schneiderhandwerks und der Betrieb der eigenen Landwirtschaft bedeuteten für seinen Vater Anselm genug an Arbeit. Er verzichtete deshalb zugunsten von Mathias Amann auf das Amt des 1. Bürgermeisters.

Die CSU-Stadträte folgten ihrem Ortsvorsitzenden geschlossen in seiner Haltung. Nachdem man sich in der konstituierenden Sitzung geeinigt hatte, nur einen weiteren ehrenamtlichen Bürgermeister zu wählen, der die Bezeichnung „2. Bürgermeister” führt, erfolgte auch diese Wahl einstimmig. Anselm Freimuth erhielt alle elf Stimmen und behielt sein Amt, das ihm schon die US-Militärregierung übertragen hatte.

Das von allen elf Stadtratsmitgliedern unterzeichnete Ratsprotokoll zeigt eine weitere Besonderheit der damaligen wahlrechtlichen Bestimmungen. Für die beiden frisch gewählten Bürgermeister rückte aus der CSU- bzw. SPD-Liste der erste Ersatzmann in den Stadtrat ein. Für die CSU war dies Franz Gebhard, für die SPD Josef Schlosser.

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