(Werner Schulz)

Wiedervereinigung keine Lebenslüge, sondern Glücksfall

Die vor 30 Jahren von der CSU im Josefshausgarten gepflanzte Wiedervereinigungs-Linde ist mächtig gewachsen. Davon überzeugten sich die CSU’ler am 3. Oktober bei einem Gedenkakt. V. l.: Alt-Bgm. Helmut Rösch, Martin Meier, Dr. Hans-Jürgen Schönberger, 3. Bgm. Hermann Gebhard, Ehren-Vors. Werner Schulz, Michaela Meier, Alfred Härtl, Martin Merkl, 2. Bgm. Bärbel Birner, Bgm. Hermann Falk, Maximilian Stein, Gunter Leipert und Fraktions-Vors. Christian Gnan

Wiedervereinigung keine Lebenslüge, sondern Glücksfall

Hirschau. Einen der „glücklichsten Tage in der deutschen Geschichte“ nannte Werner Schulz, damals CSU-Ortsvorsitzender, 1990 den 3. Oktober bei einem Festakt der CSU im Josefshausgarten, den man mit dem Pflanzen einer Gedenklinde abrundete.

Am Samstag, dem 30. Jahrestag der Wiedervereinigung, trafen sich die Hirschauer CSU’ler wieder zu einem kleinen Festakt unter der zwischenzeitlich mächtig gewachsenen Linde. Mit Altbürgermeister Helmut Rösch, Stadtrat a.D. Martin Meier und Werner Schulz waren drei Ex-CSU-Mandatsträger mit von der Partie, die 1990 beim Pflanzen des damals drei Meter hohen Baumes dabei waren. Fachmännische Unterstützung, so Schulz, habe man von Karl Schwinger, Hans Waldhauser und Walter Brixel vom Obst- und Gartenbauverein erhalten. Der bereits verstorbene Altbürgermeister Willi Bösl habe viele Jahre das Gießen der Linde übernommen und offenbar beste Arbeit geleistet. Martin Meier erinnerte daran, dass man die Pflanzung bereits am 2. Oktober vorgenommen habe. Am Einheitstag selber seien 56 Hirschauer auf Einladung der CSU Sachsen ins sächsische Vogtland gefahren. Werner Schulz habe vormittags in Ellefeld im Ernst-Thälmanhaus die Festrede gehalten, bevor man einen beeindruckenden evangelischen Gottesdienst besucht und am Nachmittag bei strahlend blauem Himmel auf dem Marktplatz in Lengenfeld mit der Bevölkerung geradezu überschwänglich die Wiedervereinigung gefeiert habe. „Wir hatten kiloweise Bauernbrot und Geräuchertes dabei. Das war alles im Nu vergriffen.“

Werner Schulz betonte, dass sich für ihn nichts an seiner Einschätzung geändert habe, dass der 3. Oktober 1990 „einer der glücklichsten Tage in der deutschen Geschichte“ ist. Die CSU habe immer am Ziel der Wiedervereinigung festgehalten, während z.B. Willy Brandt sie noch 1984 als „Lebenslüge der Zweiten Deutschen Republik“ bezeichnet habe. Der Sturz des SED-Regimes und das Erreichen von Demokratie und Freiheit seien und blieben das Verdienst der Bevölkerung der einstigen DDR. Die Landsleute drüben seien mutig gewesen, hätten große persönliche Risiken eingegangen. Gott sei Dank seien nicht wie am 17. Juni 1953 Panzer gerollt, um die Macht der SED zu sichern. Schulz rief in Erinnerung, dass damals 50 DDR-Bürger ihren Protest mit dem Tod bezahlten, 13 000 verhaftet und 2 000 zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Er bedauerte, dass darüber in den Medien genauso informiert werde wie über die ca. 200 000 politischen Gefangenen des SED-Staatsapparates oder die 900 Frauen und Männer, die ihre Fluchtversuche mit dem Leben bezahlten. So gut wie niemand erfahre etwas über die Vorgänge in den staatlichen Kinderheimen oder den Jugendwerkhöfen, in denen Jugendliche verwahrt wurden, die als schwer erziehbar oder verhaltensauffällig galten. Brutalstes Beispiel sei der Jugendwerkhof in Torgau. Während man zu Recht das Thema Kindesmissbrauch in kirchlichen Einrichtungen öffentlich aufgreife, sind die Vorgänge in den Verwahranstalten der SED mehr oder weniger tabu. Betretenes Schweigen herrschte in der Runde, als er auszugsweise die Erlebnisse von Heidemarie Puls im Jugendwerkhof Torgau zitierte: „Jeder Tag war bis auf die Minute verplant. Alles musste im Laufschritt erledigt werden. Nach einer Regelblutung musste man um saubere Unterwäsche bitten, die man häufig nicht bekam. Bei der Hygienekontrolle setzte es dann Strafen. Schließlich landete ich im Fuchsbau. Der fensterlose, von Gitter und Stahltür verschlossene Raum maß 1,30 mal 1,30 Meter. Es gab keine Kübel für die Notdurft. Ich war eine Rechtlose, völlig der Willkür des Erziehers ausgesetzt. Manchmal wollte Herr K. Geschlechtsverkehr. Doch das war schwierig, weil er do dick war. Deshalb musste ich mich auf die Pritsche legen und er befahl mir, mich selbst zu befriedigen. Er hat dabei masturbiert und sein Sperma auf meine Körper gespritzt. Die Scheide hat Herr K. mir selbst ausgewaschen. Dann habe ich meistens Schläge mit dem Stock gekriegt, damit ich schreie und die anderen in der Gruppe annehmen, ich sei bestraft worden.“ Heidemarie Puls ist kein Einzelfall. „Mir wird zu sehr der Mantel des Schweigens über all das gedeckt, das die SED den Menschen angetan hat.“ In diesem Zusammenhang wies Schulz darauf hin, dass die Linke sich selbst als Rechtsnachfolgerin der SED bezeichnet. Er zitierte den Ex-Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Im engen Raum zwischen Elbe und Oder, in dem sich 1945 ca. 19 Millionen Menschen drängten, wurde fast nichts ausgelassen, was Kommunisten der Menschheit angetan haben. Die kommunistische Idee war und ist tödlich, sie war ein Liquidationsprogramm von Anfang an.“ Tief betroffen von den Schilderungen schlugen der Fraktionsvorsitzende Christian Gnan und Bürgermeister Hermann Falk für 2021 die Besichtigung der Gedenkstätte in Torgau vor und diese mit einem Besuch im nur 14 Kilometer entfernten Schildau und dem dortigen Schildbürgermuseum zu verbinden.

Seit der Wiedervereinigung, so Schulz, habe der Osten einen beispiellosen Aufschwung erlebt. Kohls blühende Landschaften seien nicht überall, aber zu weiten Teilen Realität. In Zusammenhang mit der oft anzutreffenden Unzufriedenheit der ostdeutschen Landsleute verwies Schulz auf einen Satz von Rainer Eppelmann, dem letzten DDR-Verteidigungsminister. Der hatte 1990 nach einer Veranstaltung in Sulzbach-Rosenberg zu ihm gesagt: „Denken Sie an mich. Unsere Leute werden nicht nach hinten schauen und ihre Situation mit den Zuständen zu DDR-Zeiten vergleichen. Ihr Vergleichsmaßstab wird immer der Westen sein.“

Schulz schloss seine Ausführungen, für die ihm der stellv. Ortsvorsitzende Martin Merkl dankte, mit der Hoffnung, dass das vereinte Deutschland eine wehrhafte Demokratie bleibe, auf dessen Boden nie wieder der Faschismus oder Kommunismus regiere und von dem nie wieder Krieg ausgehe. Mit der von allen angestimmten und vom Trompetenduo Maximilian Stein und Gunter Leipert begleiteten Nationalhymne wurde der kleine Festakt würdig abgeschlossen.

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