(Helga Kamm)

Als die Hirschauer CSU den Osten aufmischte

„Mia san mia“ - bayerisches Lebensgefühl und Selbstverständnis drücken diese Worte aus, auch und besonders in der CSU. In der Wendezeit Anfang der 90-er Jahre allerdings brachte eine ostdeutsche Konkurrenz deren Alleinstellungsmerkmal beinahe ins Wanken. Was damals abgelaufen ist, weiß am besten Werner Schulz. Der Hirschauer war maßgeblich daran beteiligt.

Als die Hirschauer CSU den Osten aufmischte

Am 3. Februar 1990 rechnete Werner Schulz auf dem „Platz der Einheit“ in Klingenthal vor einigen tausend Menschen mit dem SED-Regime ab. Am Ende seiner Rede stimmte die Menge „Einigkeit und Recht und Freiheit“ an. Gut 200 der Teilnehmer pilgerten zur Bauhütte und erklärten ihren Beitritt zur CSU.

Hirschau. „Mia san mia“ - bayerisches Lebensgefühl und Selbstverständnis drücken diese Worte aus, auch und besonders in der CSU. In der Wendezeit Anfang der 90-er Jahre allerdings brachte eine ostdeutsche Konkurrenz deren Alleinstellungsmerkmal beinahe ins Wanken. Was damals abgelaufen ist, weiß am besten Werner Schulz. Der Hirschauer war maßgeblich daran beteiligt.

Ein „Hirschauer Stückl“ war es nicht, wenngleich vor allem Hirschauer beteiligt waren an der Gründung von CSU-Ortsverbänden, des CSU-Regionalverbandes Vogtland und schließlich sogar eines CSU-Landesverbands Sachsen. Die DDRler in Sachsen hatten mit der Deutschen Sozialen Union (DSU) nichts am Hut. „Neben der Ost-CDU, die nicht wenige konservativ Denkende wegen ihrer Vergangenheit als Blockpartei ablehnten, wollten sie eine CSU haben, eine christlich-konservative Partei, die nicht vorbelastet ist und sich der Politik der bayrischen CSU  verpflichtet fühlt“, erinnert sich Werner Schulz an die Anfänge dieser Bewegung im Januar 1990. Schulz, damals CSU-Ortsvorsitzender in Hirschau und stellvertretender Kreisvorsitzender, sowie eine Reihe von CSU-Mandatsträgern aus Hirschau und dem Landkreis unterstützten diese Pläne von Anfang an, legten sich dafür sogar mit der CSU-Landesleitung an: „In München setzte man auf die DSU“, so Schulz im Rückblick. „Für Theo Waigel kam eine CSU-Gründung in Sachsen schon deshalb nicht in Frage, weil Helmut Kohl für diesen Fall unverhohlen mit dem „Einmarsch“ der CDU in Bayern drohte.“ Von dieser Drohung ließen sich aber Werner Schulz und seine Unterstützer nicht beeindrucken, spätestens seit dem 6. Januar 1990.

„Eigentlich bin ich zu meinem Engagement für die CSU in Sachsen gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, sagt Werner Schulz. Denn angefangen hat die Geschichte durch die Kontakte des SC Monte Kaolino Hirschau zum Skiverein Klingenthal. Stadtrat Hans Dobmeyer, Ehrenvorsitzender des SC Monte Kaolino, hatte sie bei Besuchen in dem DDR-Wintersportzentrum geknüpft. Dabei lernte er Mitglieder der Ost-CDU aus dem sächsischen Vogtland kennen, die sich für die Gründung einer CSU engagierten. Dobmeyer empfahl ihnen, sich an Werner Schulz in Hirschau zu wenden und lud eine Gruppe junger Sachsen mit ihrem Sprecher Dr. Thomas Schädlich nach Hirschau zum CSU-Dreikönigsfrühschoppen am 6. Januar 1990 ein. Diese waren von Schulz und seiner Rede, in der er sich intensiv mit 40 Jahren Sozialismus in der DDR beschäftigte, sehr angetan. Sie baten ihn spontan, Veranstaltungen in Sachsen zu bestreiten und bei der Gründung von CSU-Verbänden mitzuhelfen. Man wolle auf jeden Fall bei den Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 mit CSU-Kandidaten antreten. Schulz sagte zu. Bei seinen Wochenendbesuchen im Vogtland wurde er meist von CSU-Politikern aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach begleitet, z.B. von Benno Grosser und Alois Schwanzl aus Kümmersbruck, Hirschaus Bürgermeister Helmut Rösch sowie den Stadträten Hans Dobmeyer, Martin Meier und Günter Mrasek.

Eine Veranstaltung werden sie nicht vergessen – die Rede von Werner Schulz – auf einem Traktoranhänger im Scheinwerferlicht stehend - am Abend der 3. Februar auf dem „Platz der Einheit“ in Klingenthal. Bei klirrender Kälte und heftigem Schneetreiben hatten sich einige tausend Menschen dort versammelt. Als Schulz endete, rollten viele ihre Deutschlandfahnen heraus, bei denen Hammer und Zirkel herausgeschnitten waren. Spontan stimmten sie „Einigkeit und Recht und Freiheit an“. Werner Schulz: „Das waren Emotionen und Gänsehautgefühle pur. Mir ist es eiskalt den Rücken hinuntergelaufen.“ Anschließend pilgerten gut 200 Teilnehmer hinauf zur über einen Kilometer entfernten „Bauhütte“. Sie erklärten nach einer Schulz-Abrechnung mit dem SED-Regime nahezu vollzählig ihren Beitritt zur CSU. Die Kommunalwahlen brachten der CSU, wo sie antrat, beachtliche Erfolge. Man errang eine Reihe von Bürgermeistersesseln, Gemeinde-, Stadt- und Kreistagsmandate. Beispielhaft sei die 20 000-Einwohnerstadt Markneukirchen genannt, wo CSU-Mann Karl-Heinrich Hoyer zum Bürgermeister gewählt wurde und die CSU im Stadtrat die Mehrheit stellte. Selbst in Plauen errang man sieben Stadtratsmandate. Manfred Helbig, der kommissarische Landesvorsitzende, war zum stellv. Landrat gewählt worden „Das zeigt, wie groß der Wunsch nach einer unbelasteten C-Partei in der DDR war“, schildert Werner Schulz die damalige Situation.

Am 17. Juni 1990 wurde im Hirschauer Josefshausgarten das „Fest der deutschen CSU-Einheit“ gefeiert. Mit Bussen und Trabbis reisten die CSU-Freunde aus Sachsen an. Überraschend traf auch CSU-Generalsekretär Erwin Huber ein, um mit den CSU-Begeisterten aus Sachsen über einen Kompromiss zu verhandeln. „Die CSU-Spitze wollte einen Landesverband Sachsen nicht dulden, fürchtete eine Konkurrenz zu der von ihr unterstützten DSU“, erzählt Werner Schulz. Hubers Vorschlag, nur einen „Freundeskreis“ zu bilden, ließ Manfred Helbig, abblitzen: „Da können wir gleich einen Gesangverein aufmachen.“ Zustimmung für eine Ost-CSU kam dagegen von Edmund Stoiber und Peter Gauweiler. Manfred Helbig, Jochen Tittmann, Karl-Heinrich Hoyer und Werner Schulz wurden zum Parteivorsitzenden Theo Waigel vorgeladen. Er schlug mit Blick auf die im Oktober anstehenden Landtagswahlen vor: „Die Ost-CSUler sollen Wahlkampf zugunsten der DSU machen.“ Damit biss er bei seinen Gästen allerdings auf Granit.

Die Fronten blieben verhärtet. Das bewies ein Geheimtreffen im Hause Schulz, an dem neben CSU-Generalsekretär Erwin Huber auch der DSU-Generalsekretär Alexander Achnimow sowie Staatssekretär Rudolf Kraus und Ex-MdB Hermann Fellner teilnahmen. Das rief in Sachsen wie in Hirschau Kampfgeist hervor. Die sächsischen CSU’ler waren fest entschlossen, einen eigenen Landesverband zu gründen. Er wurde für den 10. Juli 1990 nach Auerbach einberufen. Trotz eines „Reiseverbots“ der CSU-Landesleitung machte sich eine 50-köpfige Delegation aus Amberg-Sulzbach, an der Spitze Werner Schulz, zur Gründungsversammlung auf den Weg ins vogtländische Auerbach. Werner Schulz und Redakteur Jörg Renner wurden von einem ZDF-Team abgeholt, das wenige Tage danach im „Länderspiegel“ über die Gründungsveranstaltung berichtete. In Auerbach herrschte zunächst helle Aufregung. Eine Bombendrohung war eingegangen. Nach Durchsuchungen durch die Polizei konnte die Veranstaltung beginnen. Die Rede des West-Parteifreundes Werner Schulz wurde frenetisch bejubelt. Manfred Helbig wurde zum Landesvorsitzenden gewählt, Karl-Heinrich Hoyer zu seinem Stellvertreter.

Die Halsstarrigkeit der Sachsen zeigte Wirkung bei der CSU-Landesleitung. Erwin Huber traf sich mehrfach mit ihnen zusammen mit Werner Schulz in Klingenthal, um das weitere Vorgehen zu beraten. Sein Ziel: Die Sachsen sollten auf keinen Fall mit einer eigenen Liste bei der Landtagswahl im Oktober antreten. Das Ergebnis: DSU und CSU Sachsen einigten sich Anfang August 1990 darauf, dass die CSU auf der DSU-Landesliste mehrere feste Plätze mit dem Zusatz „CSU“ bekommen sollte. Der CSU-Spitzenkandidat wurde auf Platz 4 gesetzt. In vier Wahlkreisen durfte die CSU den Direktkandidaten stellen. Damit hatte die bayrische CSU de facto die Existenz einer Partei gleichen Namens im künftigen Bundesland Sachsen anerkannt. Einen Wermutstropfen allerdings mussten die Sachsen hinnehmen: Die getroffene Vereinbarung galt nur für die Landtagswahl, nicht aber für die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl. Bei DSU wie CSU war die Enttäuschung groß, als man sich bei der Landtagswahl mit 3,6 Prozent zufrieden geben musste und so den Einzug in den Landtag verpasste. Da halfen auch die 5,78 Prozent an Erststimmen nichts.

Der anfänglichen Euphorie über die erzielten Erfolge folgte also die Ernüchterung. Anfang 1991 zählte der CSU-Landesverband Sachsen zwar 3500 Mitglieder, von den Christsozialen in Bayern fühlten sie sich aber immer noch nicht als Schwesterpartei voll und ganz akzeptiert. „Wir suchen keine Konfrontation mit der CSU in Bayern“, erklärte im Februar 1991 der Vogtländer Regionalvorsitzende Schädlich bei einer Samstagsrunde im Hirschauer Josefshaus, „aber wenn man uns totschweigen will, müssen wir uns behaupten“. Dafür schienen aber längerfristig die Kräfte nicht mehr zu reichen. „Thomas Schädlich ist noch bis 2008 nach Hirschau gekommen“, erinnert sich Werner Schulz. Dann sei er frustriert zur AfD gegangen und der Kontakt mehr und mehr abgebrochen. Manfred Helbig sei verstorben, der Landesverband Sachsen 1991 aufgelöst worden. Werner Schulz wurde noch über das Jahr 2000 hinaus als Redner nach Sachsen eingeladen, so z.B. 2003 nach Zwota, wo er am 3. Oktober die Festrede zum Tag der deutschen Einheit hielt.

Waren also alle Anstrengungen dieser Wendejahre vergeblich? „Auf den ersten Blick ja, weil es nicht gelungen ist, die CSU in Sachsen zu etablieren“, sagt Werner Schulz. Ob das Vorhaben mit mehr Mut und Unterstützung der Bayerischen CSU gelungen wäre, bleibe offen. „Mir persönlich haben die vielen Begegnungen und Gespräche mit den Landsleuten menschlich sehr viel gebracht. Vor allem haben sie mir bleibend vor Augen geführt, wie viel Unheil Kommunisten und Sozialisten 40 Jahre lang im anderen Teil Deutschlands angerichtet haben. Im gleichen Atemzug bedauert er, dass die Medien darüber den Mantel des Schweigens hüllen. So hätten z.B. „Oberpfalzmedien“ für den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 heuer keine Zeile übrig gehabt. 55 Todesopfer seien durch Quellen belegt. Etwa 20 weitere Todesfälle ungeklärt. Am 17. Juni und den Tagen danach seien 34 Demonstranten und Zuschauer von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten erschossen worden oder an den Folgen von Schussverletzungen gestorben.

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